KURZER REDE LANGER SINN *

Ein Karl-Valentin Abend

* Texte von und über Karl Valentin
Hrsg. v. Helmut Bachmaier, Verlag Piper, München 1990
 

Premiere:Oktober 2012
Theater:Kabinetttheater Wien

 

Fließtext: Besetzung: 
Regie:Thomas Reichert
Musik:Oskar Aichinger
Bühnenbild:Patrick Breiler, Harald Leibinger, Julia Reichert
Kostüm:Burgis Paier
  
Schauspiel:Wolfram Berger

das Team des Kabinetttheaters

Technik:Nicolai Maierhofer
  
Fotograf:Nikola Milatovic
Video:Kabinetttheater Wien

 

Fließtext: Stück: 

40 Jahre später

Alle Interpreten, die ich gesehen habe und die versucht haben, Karl Valentin auf die Spur zu kommen, scheinen immer einem grundlegenden Irrtum aufzusitzen: Sie lassen die Person Valentin über sich, über ihre eigenen Füße stolpern. Valentin jedoch stolperte immer über die Widerspüche, die Ungereimtheiten der Welt, der Sprache!

Texte von dieser Qualität habe ich nur noch bei Heiner Müller, zuerst in der „Bildbeschreibung“ wiedergefunden, und erst als mir die Parallelitäten zu Valentin aufgingen, wurde es mir möglich, Heiner Müller wirklich zu begreifen – jenseits der politischen Vergewaltigung oder späteren ästhetischen Banalisierungen. Ich möchte versuchen, zu verdeutlichen, was mir an der Assoziation zwischen den beiden Unvergleichlichen so wichtig ist: Valentin hat wie Müller diesen „lidlosen“ Blick auf seine Welt, und seine Komik entsteht, weil er alles, was er sieht, gleich ernst nimmt, nur im Notfall wertet. Er wundert sich nur. Die Erzähldramaturgie ist bei Valentin wie bei Müller eine „Billard-Dramaturgie“, wie es einmal Horst Laube genannt hat. Bei Valentin handelt es sich oft um eine Partie Lochbillard. Und es ist bei beiden nicht leicht, sie zum Vortrag zu bringen und an den bösen Humor heranzukommen – ein Humor, der im Trüben fischt und unsere Welt, die des Traums und der Wirklichkeit, vorurteilslos sichtbar werden lässt. Hier greift Brechts Forde¬rung: „Das Einfache, das schwer zu machen ist. “ Heute, auf nur scheinbar ganz anderer Ebene, ist es Elfriede Jelinek mit ihrer Komik, die den Terrorzusammenhang unserer Epoche ausleuchtet, ihn heraufkocht, ohne jedes Niveau. (Das ist zu verstehen wie „ohne Charakter“ im „Firmling“, wenn Valentin auf die Frage seines Sohnes (Liesl Karlstadt) „mei, Papa, was hast denn du für einen Charakter?“ antwortet: „Bub, ich hab überhaupts keinen Charakter!“)

Bei Wolfi Berger und Valentin hab ich das geglückte Zusammenspiel vor 40 Jahren das erste Mal erlebt. Und nun, 40 Jahre später, im Theater meiner Schwester, kommen beider Sicht auf Valentin und mit Valentin auf die Unbill der Alltäglichkeit an einem Abend zusammen, begleitet von Oskar Aichinger, dem vielseitigen Komponisten, Bandleader und Pianisten.
Thomas Reichert