FIDELIO

Ludwig van Beethoven

Oper in zwei Akten op. 72 (1803–14)

 

Premiere: 15. September 2019 - Forum der Bundeskunsthalle Bonn
Produktion: Salzburger Marionettentheater - Beethovenfest Bonn 2019

 

Konzeption und Regie: Thomas Reichert
Bühnenbild: Michael Simon, Thomas Reichert
Kostüme: Kerstin Grießhaber
Marionettenköpfe/ Entwurf: Alfred Kleinheinz
Musikalische Bearbeitung: Matthias Thurow Philippe Brunner, Thomas Reichert
   
Musikalische Fassung: Aufnahme Deutsche Grammophon 1957

 

Die Rollen: Sänger/ Sprecher

 
Leonore: Leonie Rysanek/ Juliane Köhler
Florestan: Ernst Haeflnger/ André Jung
Rocco: Gottlob Frick/ Jan Gregor Kremp
Pizarro: Dietrich Fischer-Dieskau/ Stefan Wilkening
Marzelline: Irmgard Seefried/ Pauline Fusban
Jaquino: Friedrich Lenz/  Johannes Meister
Minister: Kieth Engen
   

dem Bayerischen Staatsorchester und Chor der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Ferenc Fricsay

Leonore Fidelio Leonore
oder
Es war einmal in ferner Zukunft

Florestan, Leonores Mann ist verschwunden. Niemand scheint etwas zu wissen. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.

Alle sagen, er muss tot sein. Nach zwei Jahren noch kein Lebenszeichen. Aber er ist nicht tot. Sie spürt das. Aber wo kann er sein?

Leonore hat einen Verdacht. Im Kampf ihres Mannes für Gerechtigkeit, gegen Korruption und beamtlichen Machtmissbrauch hat er sich mächtige Feinde gemacht. Sie muss ihn finden, ihn retten. Aber wie?

Sie muss Heim und Herd, ihr zu Hause, das kein Zuhause mehr ist, ohne ihn, den sicheren Ort hinter sich lassen, auf die Suche gehen. Sich in feindliches Gebiet wagen und dabei darf sie und ihr Vorhaben auf keinen Fall entdeckt werden.

Leonore ändert ihren Namen, ihre Identität. Fidelio.

In einem Gefängnis, wo er heimlich hin verschleppt wurde, vermutet sie ihren Mann. Dort wird sie für irgendeinen Hilfsjob anheuern. Das kann sie natürlich nur als Mann verkleidet. Sie wird sich die Hände schmutzig machen müssen, muss täuschen, betrügen und dann ganz hinunter ins Dunkel der Vorhölle steigen.

Leonores Rettung

Und wär da nicht das berühmte Trompetensignal, das eigentlich Pizarro ihren Gegenspieler warnen soll, so wäre sie zur Mörderin geworden.

Es sucht der Bruder seinen Bruder und kann er helfen, hilft er gern

Beethovens Traum von der Macht der Liebe in dunklen Zeiten. Sein Held, seine Heldin Leonore, die trotz ihrer Angst, voller Mut und mit der Kraft ihrer Liebe zur Freiheit in vielerlei Abgründe hinabsteigen muss, damit die Brüderlichkeit am Ende siegen kann.

Es war einmal in ferner Zukunft

Wenn ich Fidelio, was ich in Text und Musik höre, erzählen will, den mutigen Gang der Heldin und einem Happy End, das weit über alles noch nicht Mögliche hinaus strahlt, dann ist das für mich wie in einem guten Märchen.

Todesmutig stellt sich Leonore zwischen den Tod und ihren Mann. Ihr Wachsen über die Angst hinaus ermöglicht das große Happy End. Ein Märchen ist ja immer eine Hoffnungsgeschichte.

Oder: Leonore will dem Bösen, dem Teufel nicht die Macht über ihr Leben, auch alles Leben, überlassen und so muss sie sich gegen berechtigte Angst, letztendlich Aug in Aug dem Bösen stellen, gegenüberstellen, das macht den Weg frei für die Befreiung aller und der Höllenfahrt des Bösen.

Die an ihrem Ausgangspunkt zunächst einfache Geschichte macht, dass Beethovens Musik nicht nur schön gewaltig und aufwühlend ist, sondern sie treibt alle erst ganz einfachen Figuren in eine große Mehrschichtigkeit und weiter, das Geschehen in eine Forderung an unsere Zukunft. Ohne den Text, der die Figuren im konkreten, alltäglichen ansiedelt, läuft die Musik Gefahr, art pour l'art zu sein und umgekehrt, die Figuren ohne Musik würden zu Kitsch verkommen. Die Hoffnung in der Musik wäre ohne den Text nur edles Ansinnen, in der konkreten Haftung an die Figuren aber Hoffnung auf ein besseres Morgen.

Fidelio erzählt aus der unbändigen Sehnsucht Beethovens‚ ‘Brüderlichkeit‘ ins Jetzt zu tragen. Er versucht ganz konkret, eine Utopie des Menschseins zu bannen, die damals so groß am Horizont aufgetaucht, aber schon wieder zerronnen war.

Die Personen in Fidelio sind dabei aber ganz bodenständige Figuren, zuerst, wie im Märchen, aber wie im Märchen eben auch viel mehr. Beim Vorlesen, beim Erzählen ist dieses Mehr kein Problem, die Fantasie der Zuhörer lässt die Figuren, jeder nach seiner Vorstellungskraft, nach seinen Erfahrungen, nach seinen Träumen lebendig werden.

Dargestellt von realen Menschen in Film oder Theater wird die Fantasie der Zuschauer durch die darstellende Person vielleicht großartig konkretisiert, aber die konkrete Person hinter den menschlichen Darstellern und deren ganz persönliches Interesse macht eine Entwicklung zum märchenhaften, zum erhofft Zukünftigen kaum möglich und ist in der Wirkung oft sogar lächerlich.

Puppen, Marionetten haben diese Beschränkung nicht. Sie sind aus Holz an vielen feinen Fäden geführt, erst die Fantasie der Zuschauer gibt Ihnen Gefühle, Haltung, Ausdruck und lässt sie wirklich lebendig werden. Aber Puppen können eben auch weit über die menschliche Bodenhaftung hinaus zaubern, problemlos fliegen, Ihre Schwerkraft ist im Himmel.

Und so lässt sich die Geschichte erzählen von einem Gefängnis und seinen Menschen, den Eingesperrten und deren Wächter, ein wohl eher mieser Beruf – vielleicht mit Pensionsberechtigung, wo sie mit dem Horten von ein wenig Geld, mit ein bisschen Humor und Sehnsucht nach einem viertel Pfund Häuslichkeit versuchen, ihr fremdbestimmtes Leben zu gestalten. In diese versperrte Welt kommt eine Frau, um für die Liebe zu kämpfen. Und wer mit ihr in Berührung kommt, dessen Herz beginnt neu zu erwachen.

Aber klar, die Heldin muss weiter, muss hinein und hinunter in tiefstes Dunkel, muss durch größte Angst bis an den Punkt, wo nichts mehr geht, wo kein Blatt mehr zwischen Leben und Tod passt. Nur da kann Rettung geschehen. Und alles dankt und alles feiert und das Leben ist zum Fest geworden: und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ein großes Märchen trotz, oder besser, gegen das Versagen der französischen Revolution, trotz dem Größenwahn Napoleons, trotz all dem Übel auf der Welt, gegen das Versiegen aller Hoffnung – unserem Lebensgrund.

Leonore hat die Liebe kennen gelernt, sie liebt Florestan. Mit der Kraft dieser Liebe macht sie sich auf den Weg und mit der Kraft der Liebe dann für alle Gefangenen kämpft sie gegen das Böse, gegen alle Widrigkeit bis an den Punkt, wo sie die Angst vor dem Tod überwunden hat. Erst da ist Freiheit und die Liebe, jetzt viel mehr als häusliche Zweisamkeit, eine Kraft größer als wir und für uns noch oft märchenhaft fantastisch, verwandelt sich aller Tod in Leben.

Zu den Köpfen der Marionetten

Die Köpfe unserer Marionetten, noch nicht bewegt, scheinen ausdruckslos, da ist kein Gesicht, Nase Augen Mund. Sie geben keine Haltung vor, keine Emotion, geben der Figur keinen Charakter. Ihre Gesichter sind Projektionsfläche, offen für jeden Ausdruck, und der kann in jeder Sekunde neu und ganz anders entstehen und sich auch völlig widersprüchlich entwickeln. Das Empfinden, die Fantasie der Zuschauer wird nicht eingeschränkt.

Marionettenspieler machen mit ihren Händen, dem Tanz ihrer Finger, dass Träume sichtbar werden

Durch das Spiel, das Bewegen der Puppen über die bis zu 15 Fäden und die daraus entstehenden Gesten, die Haltung der ganzen Körper, und die Musik und die Texte geben diesen Gebilden aus Holz, Stoff, Draht ihren immer wechselnden Ausdruck, ja erst zusammen mit dem Zuschauer, das was jeder einzelne hört und sieht und empfindet und seine Fantasie gibt diesen Puppen auf der Bühne Gefühle, Leben, Emotionen. Und so entstehen ihre Gesichter, ihr Ausdruck und ihre Mimik und die ist grenzenlos.

Thomas Reichert

Aufführungen: 

Beethovenfest Bonn 2019

So 15.09.2019 | 15:00 Uhr  (Premiere)
So 15.09.2019 |20:00 Uhr
Mo 16.09.2019 | 20:00 Uhr
Di 17.09.2019 | 20:00 Uhr

Beethovenfest Bonn